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Ein zweiter Kommandoruf ertönte. Wieder ging ein klirrendes Schütteln durch das ganze Regiment. Die Soldaten präsentierten die Gewehre. Durch die Totenstille hörte man die schwache Stimme des Oberkommandierenden, der ein paar Worte der Begrüßung sprach. Dann brüllte das Regiment los: »Wir wünschen Ihnen Gesundheit, Exzellenz!« und wieder erstarrte alles.

Solange die Begrüßung dauerte, blieb Kutusow auf derselben Stelle stehen. Dann aber schritt er neben dem General in der weißen Uniform zu Fuß die Front ab, begleitet von seinem Gefolge.

Aus dem ganzen Gebaren des Regimentskommandeurs: wie er den Oberkommandierenden begrüßte, wie er seine Augen fast in ihn hineinbohrte, wie er sich reckte und streckte, wie er vornübergeneigt hinter den Generälen die Reihen entlangging und dabei kaum seine zuckenden Bewegungen unterdrücken konnte, wie er bei jedem Wort und jeder Bewegung des Oberkommandierenden zu diesem hinsprang – aus alledem konnte man erkennen, daß er mit noch größerer Wonne die Pflichten eines Untergebenen als die eines Vorgesetzten erfüllte.

Im Vergleich zu anderen Regimentern, die zur selben Zeit in Braunau angekommen waren, befand sich das Regiment, dank der Strenge und Emsigkeit seines Kommandeurs, in recht gutem Zustand! Die Zahl der Nachzügler und Kranken betrug nur zweihundertsiebzehn Mann. Alles war in Ordnung bis auf das Schuhwerk.

Kutusow schritt die Reihen ab und blieb hin und wieder stehen, um einige freundliche Worte an ein paar Offiziere zu richten, die er noch vom Türkenkrieg[53] herkannte. Bisweilen sprach er auch mit diesem oder jenem einfachen Soldaten. Als er das Schuhzeug sah, schüttelte er einige Male den Kopf und zeigte es dem österreichischen General mit einer Miene, die erkennen ließ, daß er zwar niemandem deswegen einen Vorwurf mache, aber doch feststellen müsse, wie schlecht es damit bestellt sei. Der Regimentskommandeur lief dabei jedesmal nach vorn, um kein Wort von dem, was der Oberkommandierende über das Regiment sagte, zu versäumen. Ein zwanzig Mann starkes Gefolge kam in einem Abstand, daß man jedes leise gesprochene Wort noch hören konnte, hinter Kutusow her. Die Herren unterhielten sich miteinander und lachten auch bisweilen. Dicht hinter dem Oberkommandierenden ging ein hübscher junger Mensch, sein Adjutant. Es war Fürst Bolkonskij. Neben ihm schritt sein Kamerad Neswizkij, ein langer Stabsoffizier mit gutmütig lächelndem hübschem Gesicht und verschwommenen Augen. Neswizkij konnte sich das Lachen über einen schwarzhaarigen Husarenoffizier, der neben ihm ging, kaum verkneifen. Dieser Husarenoffizier blickte starr und ohne zu lächeln mit ernsthaftem Gesicht auf den Rücken des Regimentskommandeurs und ahmte jede seiner Bewegungen nach. Immer wenn der Regimentskommandeur zusammenzuckte und sich nach vorn beugte, zuckte auch der Husarenoffizier auf dieselbe Art zusammen, und beugte sich genauso nach vorn. Neswizkij lachte und stieß die anderen an, damit auch sie dem Spaßvogel zusehen sollten.

Kutusow ging langsam und müde an den Tausenden von Augen vorbei, die fast aus ihren Höhlen zu rollen schienen, während sie auf den hohen Vorgesetzten hinblickten. Als er zur dritten Kompanie gekommen war, blieb er plötzlich stehen. Das Gefolge, das dieses plötzliche Halten nicht vorausgesehen hatte, kam unwillkürlich näher an ihn heran.

»Ah, Timochin!« sagte der Oberkommandierende, als er den Hauptmann mit der roten Nase erkannte, der vorhin wegen des blauen Mantels in seiner Kompanie einen Rüffel bekommen hatte.

Timochin hatte, während ihm vom Regimentskommandeur vorhin dieser Verweis erteilt worden war, so stramm dagestanden, daß man hätte meinen mögen, ein weiteres Sichausrecken sei unmöglich. Doch in diesem Augenblick, als sich der Oberkommandierende an ihn wandte, reckte sich der Hauptmann so hoch, daß es den Anschein hatte, als müsse er an dieser Haltung zugrundegehen, wenn der Oberkommandierende ihn noch einige Augenblicke länger angesehen hätte. Kutusow wandte sich schnell um, da er anscheinend für die Lage des Hauptmanns Verständnis hatte und ihm doch nur alles Gute wünschte. Über des Oberkommandierenden aufgeschwemmtes Gesicht, das von einer Narbe entstellt war, lief ein kaum merkliches Lächeln.

»Wieder ein Kamerad von Ismail[54]«, sagte er, »ein tapferer Offizier! Bist du zufrieden mit ihm?« fragte Kutusow den Regimentskommandeur.

Der Regimentskommandeur, der sich, ohne es zu merken, in dem ihm nachahmenden Husarenoffizier widerspiegelte, zuckte zusammen, trat vor und antwortete: »Sehr zufrieden, Euer Exzellenz.«

»Wir haben ja alle unsere Schwächen«, sagte Kutusow lächelnd und ging weiter. »Der hatte eben eine besondere Vorliebe für Bacchus.«

Der Regimentskommandeur erschrak, da er nicht recht wußte, ob das nicht etwa seine Schuld sei. Er antwortete nichts. In diesem Augenblick bemerkte der Husarenoffizier den Gesichtsausdruck des Hauptmanns mit der roten Nase und dem eingeschnürten Bauch und ahmte ihn so treffend nach, daß Neswizkij dieses Mal das Lachen nicht mehr unterdrücken konnte. Kutusow drehte sich um. Aber der Offizier war so vollkommen Herr über sein Mienenspiel, daß er in dem Augenblick, da Kutusow sich umwandte, ein ganz ernsthaftes, respektvolles und unschuldiges Gesicht aufsetzte, obgleich er soeben noch eine Grimasse geschnitten hatte.

Die dritte Kompanie war die letzte. Kutusow dachte einen Augenblick nach: anscheinend wollte er sich auf etwas besinnen. Fürst Andrej trat aus dem Gefolge hervor und sagte leise etwas zu ihm auf französisch.

»Sie haben befohlen, Sie an den Degradierten Dolochow zu erinnern, der sich bei diesem Regiment befindet.«

»Wo ist hier Dolochow?« fragte Kutusow.

Dolochow, der nun einen grauen Soldatenmantel angezogen hatte, konnte es nicht erwarten, bis man ihn vorrief. Die schlanke Gestalt des blonden Soldaten mit den hellblauen Augen trat vor die Front. Er ging zu dem Oberkommandierenden hin und salutierte.

»Eine Beschwerde?« fragte Kutusow und zog die Stirn etwas in Falten.

»Das ist Dolochow«, meldete Fürst Andrej.

»Ah«, sagte Kutusow. »Ich hoffe, daß diese Lehre dich bessern wird. Versieh deinen Dienst ordentlich. Seine Majestät ist gnädig. Auch ich werde dich nicht vergessen, wenn du es verdienst.«

Die hellblauen Augen sahen den Oberkommandierenden ebenso kühn an wie den Regimentskommandeur, als ob sie durch ihren Ausdruck die konventionelle Kluft überbrücken wollten, die den Oberkommandierenden so weit vom gemeinen Soldaten trennt.

»Ich bitte nur um eins, Eure Exzellenz«, sagte er mit seiner helltönenden, festen, nicht hastigen Stimme, »ich bitte nur darum, mir Gelegenheit zu geben, meine Schuld wiedergutzumachen und meine Ergebenheit für Kaiser und Reich beweisen zu können.«

Kutusow wandte sich ab. Über sein Gesicht lief dasselbe Lächeln wie vorhin, als er sich von dem Hauptmann Timochin abgewandt hatte. Er drehte sich um und zog die Stirn in Falten, als wolle er damit ausdrücken, daß alles, was Dolochow sagte und noch hätte sagen können, ihm längst, längst bekannt und schon zuwider sei, und daß dies alles gar nicht das Richtige sei. Er drehte sich um und begab sich zu seiner Kalesche.

Das Regiment löste sich in einzelne Kompanien auf und marschierte nach den angewiesenen Quartieren nicht weit von Braunau, wo es Schuhzeug und Monturen zu erhalten und dann nach den schweren Märschen auszuruhen hoffte.

»Sie sind mir doch nicht gram, Prochor Ignatjitsch«, sagte der Regimentskommandeur, als er an der nach ihrem Quartier marschierenden dritten Kompanie vorbeiritt und zu dem Hauptmann Timochin kam, der voranmarschierte. Auf dem Gesicht des Regimentskommandeurs spiegelte sich nach dieser glücklich abgelaufenen Besichtigung eine unverhohlene Freude. »Das ist nun einmal so im kaiserlichen Dienst … Da kann man manchmal nicht anders … Man muß ja bisweilen auch mal einen anfahren … Ich bin ja auch immer der erste, der sich dann entschuldigt. Sie kennen mich ja … Er ist sehr zufrieden gewesen!« damit reichte er dem Kompanieführer die Hand.

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53

vom Türkenkrieg her: wohl vom 2. Russisch-Türkischen Krieg 1787-92 her. Vgl. Anm. 34.

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54

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Stadt im Donaudelta, wo Suworow im RussischTürkischen Krieg 1790 einen bedeutenden Sieg errang.