»Ich habe die Ehre zu gratulieren, General Mack ist angekommen, ganz gesund, nur hier hat er was abbekommen«, fügte er mit strahlendem Lächeln hinzu und zeigte auf seinen Kopf.
Der General runzelte die Stirn, wandte sich ab und ging weiter.
»Gott, wie naiv«, sagte er ärgerlich, als er einige Schritte weitergegangen war.
Neswizkij umarmte mit lautem Gelächter den Fürsten Andrej; aber Bolkonskij war noch blasser geworden, stieß ihn mit zorniger Miene zurück und wandte sich an Scherkow. Die nervöse Gereiztheit, in die ihn der Anblick Macks, die Nachricht von seiner Lage und der Gedanke an das, was der russischen Armee jetzt bevorstand, versetzt hatten, machte sich jetzt Luft und ging in Wut über den unangebrachten Scherz Scherkows über.
»Wenn Sie, mein Herr«, sagte er mit durchdringender Stimme, wobei sein Unterkiefer leicht zitterte, »durchaus ein Hansnarr sein wollen, so kann ich Sie daran nicht hindern. Aber ich erkläre Ihnen, wenn Sie sich noch einmal erdreisten, in meiner Gegenwart solche Albernheiten zu machen, so werde ich Sie lehren, wie Sie sich zu benehmen haben.«
Neswizkij und Scherkow waren so erstaunt über diesen Wutausbruch, daß sie schweigend und mit weitaufgerissenen Augen Bolkonskij ansahen.
»Was denn? Ich habe doch nur gratuliert«, sagte Scherkow.
»Ich scherze nicht mit Ihnen, bitte schweigen Sie«, rief Bolkonskij, faßte Neswizkij beim Arm und ging mit ihm von Scherkow fort, der keine Antwort finden konnte.
»Aber hör mal, was hast du denn eigentlich, mein Lieber?« fragte Neswizkij, der ihn beruhigen wollte.
»Was ich habe?« wiederholte Fürst Andrej und blieb vor Erregung stehen. »Aber so begreife doch: sind wir Offiziere, die ihrem Kaiser und Vaterland dienen, sich über einen gemeinsamen Erfolg freuen und über eine gemeinsame Niederlage trauern, oder sind wir nur Lakaien, die kein Interesse an dem Befinden ihrer Herrschaft haben? Vierzigtausend Mann niedergemetzelt und die Armee unserer Verbündeten aufgerieben, und Sie finden das zum Lachen?« fuhr er auf französisch fort, als wolle er durch diese französische Phrase seiner Meinung noch stärkeren Ausdruck verleihen. »Das paßt wohl für einen so dummen Jungen, wie jener Mensch ist, mit dem Sie Freundschaft geschlossen haben, aber nicht für Sie, nicht für Sie! Nur dumme Jungen können sich in dieser Weise amüsieren«, fuhr Fürst Andrej dann wieder auf russisch fort, sprach aber dieses Wort dumme Jungen’ mit französischer Betonung aus, da er bemerkt hatte, daß Scherkow ihn noch hören konnte.
Er wartete, ob der Kornett noch etwas antworten würde. Der aber drehte sich um und verließ den Korridor.
4
Das Pawlograder Husarenregiment lag zwei Meilen von Braunau im Quartier. Die Schwadron, in der Nikolaj Rostow als Junker stand, war in dem deutschen Dorf Salzeneck einquartiert. Dem Chef dieser Schwadron, Rittmeister Denissow[55], der in der ganzen Kavalleriedivision unter dem Namen Waska Denissow bekannt war, hatte man das beste Quartier im Dorf zugewiesen, und bei ihm wohnte der Junker Rostow, seit er das Regiment in Polen eingeholt hatte.
Am 11. Oktober, an demselben Tag, an dem durch die Nachricht von Macks Niederlage im Hauptquartier alles auf die Beine gebracht wurde, ging das Lagerleben in der Husarenschwadron in alter Weise weiter. Denissow hatte die ganze Nacht über Karten gespielt und war noch nicht nach Hause gekommen, als Rostow am frühen Morgen zu Pferde vom Fouragieren zurückkehrte. In seiner Junkeruniform ritt er zur Haustreppe, schwang, sich abstoßend, mit einer gewandten, jugendlichen Bewegung sein Bein übers Pferd und blieb einen Augenblick im Steigbügel stehen, als ob er sich noch nicht von seinem Pferde trennen könne. Endlich sprang er herab und rief den Burschen heran.
»He, Bondarenko, Freundchen!« sagte er zu dem Husaren der eilig auf das Pferd zustürzte, »führ es noch ein bißchen herum«, fuhr er mit jener heiteren, brüderlichen Freundlichkeit fort, mit der alle jungen, glücklichen Leute zu sprechen pflegen.
»Zu Befehl, Euer Durchlaucht!« antwortete der Kleinrusse[56] und nickte fröhlich mit dem Kopf.
»Paß auf und führ es gut herum!«
Ein anderer Husar stürzte ebenfalls auf das Pferd zu, aber Bondarenko hatte ihm schon die Zügel über den Hals geworfen. Man konnte sehen, daß der Junker gute Trinkgelder gab, und daß es vorteilhaft war, sein Bursche zu sein. Rostow streichelte seinem Pferde den Hals, dann die Kruppe und blieb an der Haustreppe stehen.
»Tadellos! Das wird ein famoser Gaul werden!« sagte er lächelnd vor sich hin. Dann faßte er den Säbel und lief mit klirrenden Sporen die Stufen hinauf.
Der deutsche Quartierwirt, in dicker Joppe und Zipfelmütze, sah, die Mistgabel in der Hand, mit der er gerade den Dung ausräumte, aus dem Kuhstall heraus. Das Gesicht des Deutschen leuchtete auf, als er Rostow erblickte. Er lächelte fröhlich und zwinkerte ihm zu.
»Schönen guten Morgen, schönen guten Morgen!« rief er ihm zu. Offenbar machte es ihm Vergnügen, den jungen Mann zu begrüßen.
»Schon so fleißig?« fragte Rostow auf deutsch mit demselben heiteren, brüderlichen Lächeln, das ständig auf seinem lebhaften Gesicht lag. »Hoch die Österreicher! Hoch die Russen! Hoch Kaiser Alexander!« rief er dem Deutschen zu und wiederholte damit die Worte, die ihm manchmal sein deutscher Quartierwirt zugerufen hatte.
Der Deutsche lachte. Er trat ganz aus der Tür des Kuhstalls heraus, riß die Zipfelmütze herunter, schwenkte sie über seinem Kopf und schrie: »Es lebe die ganze Welt!«
Rostow schwenkte ebenso wie der Deutsche seine Mütze über dem Kopf und schrie lachend: »Vivat die ganze Welt!«
Obwohl weder der Deutsche, der seinen Kuhstall ausmistete, noch Rostow, der mit seinem Beritt Heu geholt hatte, Grund zu solcher Freude hatten, sahen sich die beiden doch glückselig und mit brüderlicher Liebe an, nickten sich zum Zeichen ihrer Zuneigung zu und gingen dann lächelnd auseinander: der Deutsche in seinen Kuhstall und Rostow in das Haus, das er mit Denissow zusammen bewohnte.
»Was macht dein Herr?« fragte er Lawruschka, den Burschen Denissows, der im ganzen Regiment als geriebener Kunde bekannt war.
»Seit gestern abend ist er nicht hier gewesen. Wahrscheinlich hat er verloren«, antwortete Lawruschka. »Das kenne ich schon: wenn er gewonnen hat, kommt er frühzeitig, um damit zu prahlen. Kommt er am Morgen aber nicht, dann haben sie ihn tüchtig gerupft und dann ist er bei jämmerlicher Laune. Befehlen Sie Kaffee?«
»Ja, bring mir welchen her!«
Nach zehn Minuten brachte Lawruschka den Kaffee.
»Der Herr kommt«, sagte er, »jetzt geht es mir schlecht!«
Rostow schaute durchs Fenster und erblickte Denissow, der nach Hause zurückkehrte. Denissow war nicht groß von Gestalt, hatte ein rotes Gesicht, glänzende, schwarze Augen, einen struppigen Bart und krauses Haar. Er trug einen aufgeknöpften Dolman[57], weite, faltig herabhängende Reithosen und eine ganz zerdrückte Husarenmütze, die er ins Genick geschoben hatte. Finster und mit gesenktem Kopf näherte er sich der Treppe.
»Lawruschka!« schrie er laut und ärgerlich. »Nimm mir doch die Sachen ab, du alte Tranlampe!«
»Na, ich komme ja schon«, antwortete Lawruschkas Stimme.
»Ah, du bist auch schon auf«, sagte Denissow, ins Zimmer tretend.
»Schon lange«, erwiderte Rostow, »ich bin schon nach Heu geritten und habe auch Fräulein Mathilde schon gesehen.«
»So so! Aber mich haben sie gestern ausgebeutelt, mein Lieber, wie einen Hundesohn!« schrie Denissow, der das R schlecht aussprechen konnte, was in der Aufregung noch mehr hervortrat. »So ein Pech! So ein Pech! Als du fort warst, ging’s los. He! Tee her!«
Denissow zog die Stirn kraus, wie wenn er lachen wollte, und zeigte dabei seine kurzen, kräftigen Zähne. Dann fuhr er sich mit seinen kurzen Fingern durch das buschige, dichte, schwarze Haar.
55
57