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Nachdem Denissow den Weg frei gemacht hatte, hielt er am Ausgang der Brücke an. Lässig hielt er seinen Hengst zurück, der zu den andern Pferden hinstrebte und mit den Beinen ausschlug, und schaute nach seiner Schwadron, die ihm entgegenkam. Auf den Brückenbohlen klapperten helle Hufschläge, so daß es klang, als ob einige Pferde im Galopp darübersprengten, und die Schwadron, mit ihren Offizieren an der Spitze, zog, je vier Mann in einer Reihe, über die Brücke und ritt auf die andere Seite hinüber.

Die zum Haltmachen gezwungene Infanterie drängte sich in dem zertretenen Schmutz auf der Brücke zusammen und betrachtete die sauberen, elegant gekleideten Husaren, die in guter Ordnung an ihnen vorbeiritten, mit jenem besonderen, wenig wohlwollenden Gefühl der Fremdheit und des Spottes, wie es die verschiedenen Truppengattungen bei einer Begegnung gewöhnlich an den Tag zu legen pflegen.

»Aufgeputzt sind die Kerls! Die passen höchstens auf den Podnowinskij-Boulevard[60]

»Was können die wohl nützen? Die sind doch bloß zum Staate da!« sagte ein anderer.

»Infanteristen, macht nicht solchen Staub!« scherzte ein Husar, dessen Pferd tänzelte und dabei einen Infanteristen mit Schmutz bespritzte.

»Wenn man dich zwei Tagemärsche mit dem Affen auf dem Buckel hätte laufen lassen, dann möchte ich mal sehen, wie deine Schnürchen da aussehen würden«, gab der Infanterist zurück und wischte sich mit dem Ärmel den Schmutz aus dem Gesicht.

»Wer da oben auf so ’nem Pferde sitzt, ist ja gar kein Mensch mehr, höchstens ’n Vogel!«

»Dich müßte man mal auf ein Pferd setzen, Sikin, du würdest da gut aussehen«, verspottete ein Gefreiter einen mageren kleinen Soldaten, der unter seinem schweren Tornister ganz krumm dastand.

»Nimm doch einen Knüppel zwischen die Beine, dann hast du auch ein Pferd!« rief der Husar zurück.

8

Der Rest der Infanterie drängte sich am Eingang der Brücke trichterförmig zusammen und marschierte dann eilig hinüber. Endlich waren alle Wagen vorbeigefahren, das Gedränge wurde geringer, und das letzte Bataillon betrat die Brücke. Nur die Husaren von Denissows Schwadron waren noch auf der anderen, dem Feind zugewandten Seite der Brücke zurückgeblieben. Von unten, von der Brücke her, war der Feind, der von den gegenüberliegenden Höhen gut sichtbar war, nicht zu sehen, da unten in der Schlucht, durch die der Fluß strömte, der Horizont durch die eine halbe Werst entfernte, davorliegende Anhöhe begrenzt wurde. Im Vordergrund lag eine freie Fläche, auf der sich hier und da Kosakenpatrouillen hin und her bewegten.

Plötzlich zeigten sich auf dem gegenüberliegenden Höhenweg Truppen in blauen Mänteln und Artillerie. Das waren Franzosen. Die Kosakenpatrouillen ritten im Trabe bergab. Alle Offiziere und Mannschaften von Denissows Schwadron gaben sich zwar Mühe, von anderen Dingen zu reden und nach einer anderen Seite hinzusehen, dachten aber doch immer nur an das, was dort auf dem Berge vor sich ging. Immer wieder blickten sie nach den am Horizont auftauchenden winzigen Pünktchen, in denen sie feindliche Truppen erkannten.

Das Wetter hatte sich am Nachmittag wieder aufgeklärt. Die Sonne senkte sich strahlend auf die Donau und die dunkeln Berge ihrer Ufer nieder. Ringsum war alles still, nur hin und wieder schallten von jenem Berge die Hornsignale und Rufe des Feindes herüber. Zwischen der Schwadron und dem Feind befanden sich nur noch die kleinen Patrouillentrupps und ein leerer Raum von einigen hundert Metern Breite. Der Feind schoß nicht mehr, doch um so deutlicher machte sich jene strenge, drohende, feste und doch schwer zu bestimmende Grenze bemerkbar, die zwei feindliche Truppen voneinander trennt.

Einen Schritt über diese Grenze, diese warnende Grenze, welche die Lebenden von den Toten trennt, und man weiß nichts mehr von Leid, man ist tot. Und was ist dort? Wer ist da drüben? Dort hinter diesem Feld, hinter diesem Baum und hinter diesem Dach, das von der Sonne beleuchtet wird? Niemand weiß es, und doch möchte es jeder wissen. Es ist furchtbar, diese Grenze zu überschreiten, und doch möchte es jeder tun, obgleich er weiß, daß er früher oder später diese Grenze ja doch überschreiten muß und dann erfahren wird, was dort auf jener Seite ist, ebenso wie er unvermeidlich erfahren wird, was jenseits des Grabes ist. Aber man ist stark, gesund, fröhlich und angeregt und umgeben von ebensolchen gesunden und lebhaft erregten Menschen. Eine solche Empfindung hat jeder Mensch, der sich dem Feind gegenüber befindet, wenn er sich auch innerlich darüber nicht klar wird. Dieses Gefühl verleiht allen Eindrücken in jenen Augenblicken einen besonderen Glanz und eine beseligende Schärfe.

Auf dem Hügel, wo der Feind stand, zeigte sich ein Rauchwölkchen, und eine Kugel sauste pfeifend über die Köpfe der Husaren hin. Die Offiziere, die zusammenstanden, ritten an ihre Plätze, und die Husaren hielten die Zügel strammer. In der Schwadron war es ganz still. Alle sahen nach vorn auf den Feind und den Regimentskommandeur und warteten auf das Kommando. Eine zweite, eine dritte Kugel sauste vorbei. Es war klar, daß man auf die Husaren schoß; aber die Kugeln flogen gleichmäßig schnell und pfeifend über ihre Köpfe weg und schlugen irgendwo hinter ihnen ein. Niemand sah sich um, aber bei jedem Zischen einer vorbeisausenden Kanonenkugel hob sich wie auf Kommando die ganze Schwadron, mit ihren bei aller Verschiedenheit doch so einförmigen Gesichtern, in den Steigbügeln, hielt, solange die Kugel vorbeipfiff, den Atem an und ließ sich dann wieder in die Sättel zurücksinken. Ohne die Köpfe zu drehen, schielten die Soldaten einer nach dem anderen hin und beobachteten neugierig, welchen Eindruck das Schießen wohl auf die Kameraden machte. Auf jedem Gesicht, von Denissow angefangen bis zum Hornisten, prägte sich um die Lippen und um das Kinn herum ein und derselbe gemeinsame Zug aus, der Kampflust, Zorn und Erregung verriet. Der Wachtmeister runzelte die Stirn und musterte die Soldaten, als wolle er eine Strafe über sie verhängen. Ein Junker namens Mironow bückte sich bei jeder Kugel, die vorbeiflog. Rostow befand sich auf der linken Flanke und saß auf seinem »Raben«, der sich sehr gut ausnahm, obgleich seine Hufe noch nicht recht in Ordnung waren. Der Junker sah so glücklich aus wie ein Schüler, der vor einem großen Publikum zum Examen aufgerufen wird und überzeugt ist, daß er es mit Auszeichnung bestehen wird. Klar und heiter sah er alle an, als bäte er, auf ihn zu schauen, wie ruhig er trotz der Kugeln dasaß. Doch auch auf seinem Gesicht zeigte sich, um den Mund herum, ganz gegen seinen Willen, jener selbe neue und strenge Zug.

»Wer bückt sich da immer? Junker Mironow! Das geht nicht! Sehen Sie mich an!« schrie Denissow, der nicht ruhig auf seinem Platz bleiben konnte und vor der Schwadron hin und her ritt.

Waska Denissows Gesicht mit der Stulpnase und dem schwarzen Haar, und seine ganze kleine, gedrungene Gestalt mit der behaarten, sehnigen Hand, deren kurze Finger den Griff des gezogenen Säbels umspannt hielten, sahen genauso aus, wie sie immer aussahen, besonders des Abends, wenn er die zweite Flasche ausgetrunken hatte, vielleicht nur etwas röter als gewöhnlich. Er reckte seinen Kopf hoch wie ein Vogel, wenn er getrunken hat, und drückte mit den kleinen Füßen seinem Araber unbarmherzig die Sporen in die Flanken. Nach hinten zurückgelehnt, sprengte er dann zur anderen Seite der Schwadron hinüber und schrie mit heiserer Stimme, die Leute sollten ihre Pistolen nachsehen. Dann ritt er zu Kirsten. Der Stabsrittmeister kam auf seiner breiten, stämmigen Stute Denissow entgegen. Sein Gesicht mit dem langen Schnurrbart war ernst wie immer, nur seine Augen glänzten mehr als gewöhnlich.

»Wozu das alles?« sagte er zu Denissow, »zum Losschlagen kommt es ja doch nicht! Du wirst sehen, wir müssen wieder zurück.«

»Weiß der Teufel, was die machen«, knurrte Denissow. »Ah, Rostow«, rief er, als er das fröhliche Gesicht des Junkers bemerkte, »na, nun hast du ja erreicht, worauf du so lange gewartet hast.«

Er lächelte beifällig und freute sich anscheinend über den Junker. Rostow fühlte sich vollkommen glücklich. In diesem Augenblick erschien der Kommandeur auf der Brücke. Denissow sprengte zu ihm hin.

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60

Podnowinskij-Boulevard: eigentlich Podnowinskoje, die Gegend beim Nowinskij-Boulevard, wo sich das Volk vergnügte.