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Bilibins mageres, ausgemergeltes, gelbliches Gesicht war ganz von tiefen Falten durchfurcht, die stets so sauber und sorgfältig gewaschen aussahen wie die Fingerspitzen nach einem Bade. Die Bewegungen dieser Falten bildeten sein Mienenspiel. Bald runzelte sich seine Stirn, und die Augenbrauen zogen sich hoch, bald senkten sie sich wieder herab, und dann bildeten sich große Furchen auf den Backen. Seine tiefliegenden kleinen Augen blickten immer heiter und geradeaus.

»Also nun berichten Sie mal von Ihren Heldentaten!« fing er an.

Bolkonskij erzählte in bescheidener Weise, ohne sich selbst dabei zu erwähnen, von dem Gefecht und dem Empfang beim Kriegsminister.

»Ils m’ont reçu avec ma nouvelle comme un chien dans les quilles«, schloß er seinen Bericht.

Bilibin lächelte, und seine Hautfalten glätteten sich.

»Cependant, mon cher«, sagte er und betrachtete dabei von weitem seine Fingernägel, während er die Haut über dem linken Auge hochzog, »malgré la haute estime que je professe für das rechtgläubige russische Heer, j’avoue que votre victoire n’est pas des plus victorieuses.«

Er redete weiter französisch wie vorhin und sprach nur dann russisch, wenn er einem Wort einen verächtlichen Sinn geben wollte.

»Wie? Ihr stürzt euch mit eurer ganzen Masse auf den unglücklichen Monier, der nur eine Division unter sich hat, und dieser Monier entgleitet dann noch euren Händen? Das soll ein Sieg sein?«

»Na, Spaß beiseite«, erwiderte Fürst Andrej, »wir können immerhin ohne Prahlerei behaupten, daß dies doch ein wenig besser gewesen ist als Ulm …«

»Warum habt ihr uns nicht wenigstens einen, nur einen einzigen Marschall gefangengenommen?«

»Weil nicht immer alles so kommt, wie man will, und sich eine Schlacht niemals so programmmäßig abwickelt wie eine Parade. Wie ich Ihnen schon sagte, glaubten wir, dem Feind um sieben Uhr morgens in den Rücken fallen zu können, und um fünf Uhr abends waren wir dann noch nicht einmal soweit.«

»Ja, warum seid ihr denn nicht um sieben Uhr morgens hingekommen? Ihr hättet eben um sieben Uhr morgens hinkommen müssen«, sagte Bilibin lächelnd, »Ihr hättet um sieben Uhr morgens ankommen müssen.«

»Warum haben Sie nicht Bonaparte auf diplomatischem Wege beigebracht, daß es für ihn besser sei, Genua aufzugeben?« fragte Fürst Andrej in dem gleichen Ton.

»Ich weiß«, fiel ihm Bilibin ins Wort, »Sie denken, es ist leicht, Marschälle gefangen zu nehmen, wenn man neben dem Ofen auf dem Sofa sitzt. Das ist schon richtig … aber immerhin, warum habt ihr ihn nicht gefangengenommen? Deshalb wundern Sie sich nicht, wenn nicht nur der Kriegsminister, sondern auch Seine Majestät Kaiser und König Franz über Ihren Sieg nicht sehr beglückt sein wird. Ja, auch ich, der unglückliche Sekretär der russischen Gesandtschaft, fühle kein Bedürfnis, meinem Franz zum Zeichen der Freude einen Taler zu geben, damit er mit seinem Liebchen in den Prater gehen kann … Ach so, hier gibt es ja gar keinen Prater.«

Er blickte dem Fürsten Andrej gerade in die Augen, und seine zusammengezogene Stirn glättete sich plötzlich.

»Jetzt bin ich an der Reihe, mein Lieber, einige Fragen zu stellen«, sagte Bolkonskij. »Ich muß gestehen, ich begreife das einfach nicht, aber vielleicht gehen diese diplomatischen Feinheiten über meinen schwachen Verstand. Aber das verstehe ich nicht: Mack verliert eine ganze Armee, der Erzherzog Ferdinand und der Erzherzog Karl geben kein Lebenszeichen von sich und machen Fehler auf Fehler. Schließlich ist es nur Kutusow, der einen wirklichen Sieg erringt und den Nimbus der Franzosen zerstört – und da interessiert sich der Kriegsminister nicht einmal so weit dafür, daß er Einzelheiten darüber erfahren möchte.«

»Eben deshalb, mein Lieber, voyez-vous, mon cher: Ein Hurra für den Zaren, für Rußland, für den Glauben. Tout ça est bel et bon, aber was gehen uns, das heißt, den österreichischen Hof, eure Siege an? Bringen Sie uns eine gute Nachricht von einem Sieg Erzherzog Karls oder Erzherzog Ferdinands – un archiduc vaut l’autre, wie Sie wissen – und wenn das auch nur ein Sieg über eine Feuerwehrabteilung Bonapartes wäre – dann ist das eine andere Sache, dann werden wir das mit Kanonenschüssen in die Welt hinausdonnern. Aber was Sie uns da bringen, kann uns nur ärgern, als wäre es in böser Absicht geschehen. Der Erzherzog Karl tut gar nichts. Der Erzherzog Ferdinand bedeckt sich auch nicht gerade mit Lorbeeren. Wien habt ihr aufgegeben und verteidigt es nicht mehr, comme si vous nous disiez: Gott helfe uns und euch und eurer Hauptstadt! Und gerade den General, den wir alle liebten, Schmidt, führt ihr in den Kugelregen, daß er fällt, und beglückwünscht uns dann zu diesem Sieg. Sie müssen selber zugeben, daß man eine aufreizendere Nachricht als die, welche Sie bringen, schon gar nicht ausdenken kann. C’est comme un fait exprès, comme un fait exprès. Und dann, wenn ihr auch wirklich einen glänzenden Sieg errungen hättet, oder meinetwegen sogar der Erzherzog Karl, was könnte das noch an dem allgemeinen Gang der Dinge ändern? Jetzt, wo Wien von französischen Truppen besetzt ist, kommt das doch alles zu spät.«

»Was? Wien ist besetzt, ist besetzt?«

»Nicht nur besetzt, sondern Bonaparte ist sogar in Schönbrunn eingezogen, und der Graf, unser lieber Wrbna, begibt sich zu ihm, um sich von ihm seine Befehle zu holen.«

Bolkonskij fühlte sich durch die Reiseeindrücke, den Empfang und besonders durch das Diner so ermüdet, daß er die ganze Tragweite dieser Nachricht, die er zwar hörte, nicht fassen konnte.

»Heute war Graf Lichtenfels hier«, fuhr Bilibin fort, »und zeigte mir einen Brief, in dem die Parade der französischen Truppen in Wien ausführlich beschrieben wird. Le prince Murat et tout le tremblement … Sie sehen also, daß Ihr Sieg gar nicht so besonders erfreulich ist und Sie deshalb nicht als Retter empfangen werden können.«

»Mir ist das wirklich vollkommen gleichgültig«, erwiderte Fürst Andrej, der zu verstehen begann, daß seine Nachricht von einer Schlacht bei Krems angesichts solcher Ereignisse, wie die Besetzung der österreichischen Hauptstadt, wirklich wenig Bedeutung haben konnte. »Wie ist das denn aber gekommen, daß Wien besetzt ist? Und die Brücke, der berühmte Brückenkopf und Fürst Auersperg? Bei uns lief das Gerücht um, daß Fürst Auersperg Wien verteidige.«

»Fürst Auersperg steht hier auf dieser Seite der Donau und verteidigt uns. Ich glaube allerdings, sehr schlecht, aber immerhin, er verteidigt uns doch. Wien aber liegt auf der anderen Seite der Donau. Nein, die Brücke ist noch nicht genommen, und ich hoffe, sie wird auch nicht genommen werden, da sie unterminiert ist, und man befohlen hat, sie zu sprengen. Andernfalls wären wir schon längst in den böhmischen Bergen, und Sie mit Ihrer Armee würden jetzt eine schlimme Viertelstunde zwischen zwei Feuern durchzukosten haben.«

»Das bedeutet aber noch nicht, daß der Feldzug zu Ende ist?« fragte Fürst Andrej.

»Ich denke doch, daß er zu Ende ist. Und das glauben diese großen Schlafmützen hier auch, wenn sie es auch nicht zu sagen wagen. Es wird schon so kommen, wie ich Ihnen zu Beginn des Feldzuges gesagt habe: nicht Ihre Schießereien bei Dürrenstein entscheiden die Sache und überhaupt nicht das Pulver, sondern die Leute, die es erfunden haben«, sagte Bilibin und wiederholte damit eines seiner Witzworte, wobei er die Stirne glatt zog und einen Augenblick innehielt. »Die Frage ist jetzt nur die: Was wird die Berliner Zusammenkunft Kaiser Alexanders mit dem König von Preußen bringen? Wenn Preußen in den Bund eintritt, on forcera la main a l’Autriche, und der Krieg geht weiter. Tritt es nicht ein, dann handelt es sich nur noch darum, zu verabreden, wo man die Präliminarien für ein neues Campo Formio[61] aufstellen soll.«

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61

ein neues Campo Formio: der Friede von Campo Formio zwischen Frankreich und Österreich 1797, bei dem Österreich die österr. Niederlande, Mantua und Mailand an Frankreich verlor und in geheimen Zusatzartikeln die Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich zugestand.