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»Was für eine außerordentliche Genialität!« rief plötzlich Fürst Andrej, preßte seine kleine Hand zusammen und schlug damit auf den Tisch. »Und was dieser Mensch für ein Glück hat!«

»Buonaparte?« sagte Bilibin in fragendem Ton; er runzelte die Stirn und gab damit zu verstehen, daß sogleich ein »mot« folgen werde.

»Buonaparte?« wiederholte er und betonte dabei besonders das u, »ich glaube, jetzt, wo er Österreich von Schönbrunn aus die Gesetze diktiert, il faut lui faire grâce de l’u. Ich werde eine entscheidende Neuerung einführen und ihn von nun an einfach Bonaparte nennen.«

»Nein, Spaß beiseite«, sagte Fürst Andrej, »glauben Sie wirklich, daß der Feldzug zu Ende ist?«

»Passen Sie auf, was ich glaube: Österreich ist diesmal der Dumme gewesen, daran ist es nicht gewöhnt. Nun muß es die Zeche bezahlen. Es ist deshalb der Dumme gewesen, weil erstens seine Provinzen verwüstet sind – on dit: der Rechtgläubige est terrible pour le pillage – und zweitens die Armee vernichtet und die Hauptstadt eingenommen ist; und das alles nur pour les beaux yeux Seiner sardinischen Majestät[62]. Unter uns gesagt, mein Lieber, ich habe so eine dunkle Ahnung, daß man uns betrügt. Ich wittere geheime Beziehungen zwischen Österreich und Frankreich, Projekte für einen Frieden, einen himmlischen Frieden, einen Sonderfrieden.«

»Das kann doch nicht möglich sein!« rief Fürst Andrej aus, »das wäre ja zu niederträchtig!«

»Qui vivra, verra«, erwiderte Bilibin und zog die Stirn wieder glatt, zum Zeichen, daß er das Gespräch hierüber für beendet hielt.

Als Fürst Andrej in das für ihn hergerichtete Zimmer kam und sich dann in reiner Wäsche in die Daunenbetten und die angewärmten parfümierten Kissen legte, da hatte er das Gefühl, als läge die Schlacht, über die zu berichten er hergekommen war, in weiter, weiter Ferne hinter ihm. Das Bündnis mit Preußen, der Verrat Österreichs, der neue Triumph Napoleons und morgen die Cour, die Parade und der Empfang bei Kaiser Franz nahmen seine Gedanken ganz in Anspruch.

Er schloß die Augen, doch im selben Augenblick dröhnten ihm schon wieder die Kanonade, das Gewehrfeuer, das Rattern seines Reisewagens in den Ohren. Wieder kommen wie langgezogene Fäden die Musketiere vom Berge herab, die Franzosen schießen und er fühlt, wie sein Herz bebt. Mit Schmidt zusammen reitet er vorwärts, die Kugeln pfeifen lustig um ihn herum, und er empfindet ein Gefühl verzehnfachter Lebensfreude, wie er es seit seiner Kindheit noch nicht wieder empfunden hatte.

Er erwachte.

»Ja, dies alles ist geschehen …«, murmelte er und lächelte kindlich glücklich über sich selber. Dann schlief er den tiefen, festen Schlaf der Jugend.

11

Am anderen Morgen erwachte er erst spät. Als er sich die Eindrücke des vergangenen Tages wieder ins Gedächtnis zurückrief, fiel ihm vor allem ein, daß er sich ja heute dem Kaiser vorstellen sollte. Dann dachte er an den Kriegsminister, an den höflichen österreichischen Adjutanten, an Bilibin und an das Gespräch von gestern abend. Er legte für die Fahrt ins Schloß seine volle Paradeuniform an, die er schon lange nicht mehr getragen hatte, und trat dann frisch, lebhaft und hübsch anzusehen, mit seiner verbundenen Hand in Bilibins Arbeitszimmer.

Im Zimmer befanden sich gerade vier Herren vom diplomatischen Korps. Den einen von ihnen, den Fürsten Hippolyt Kuragin, der Sekretär bei der Botschaft war, kannte Bolkonskij bereits. Mit den anderen machte ihn Bilibin bekannt.

Diese Herren, die bei Bilibin weilten, lauter reiche, lebenslustige junge Leute aus der ersten Gesellschaft, bildeten auch hier wie in Wien einen besonderen Kreis, den Bilibin, das Haupt dieses Kreises, »die Unsrigen«, »les nôtres«, nannte. Dieser Kreis, der fast ausschließlich aus Diplomaten bestand, hatte anscheinend seine eigenen Interessen, die mit Krieg und Politik nichts zu tun hatten, Interessen, die die höchsten Gesellschaftssphären oder Beziehungen zu gewissen Damen oder die Bureauangelegenheiten ihres Dienstes betrafen. Diese Herren nahmen den Fürsten Andrej allem Anschein nach gern in ihren Kreis auf, eine Ehre, die sie sonst nur wenigen erwiesen. Aus Höflichkeit und um das Gespräch in Gang zu bringen, richteten sie zuerst einige Fragen über die Armee und über die Schlacht an ihn, dann aber ging die Unterhaltung in Geplauder und fröhliche Scherze über, die sich ungezwungen und lose aneinanderreihten.

»Es war einfach köstlich«, sagte einer, der von dem Mißerfolg eines Kollegen, eines Diplomaten, erzählte, »es war einfach köstlich, wie der Kanzler ihm noch ausdrücklich sagte, seine Versetzung nach London sei eine Beförderung, und er solle sie als eine solche betrachten. Sie können sich vorstellen, was der für ein Gesicht gemacht hat!«

»Aber was noch schlimmer ist, meine Herren, ich muß Kuragin vor Ihnen anklagen; da ist ein armer Mensch im Unglück, und dieser Don Juan, dieser fürchterliche Mensch, macht sich das zunutze.«

Fürst Hippolyt lag in einem Voltairesessel und hatte die Beine über die Lehne gelegt. Er lachte.

»Parlez-moi de ça«, sagte er.

»Oh, Sie Don Juan, Sie falsche Kreatur!« riefen die Herren von allen Seiten.

»Sie wissen nicht, Bolkonskij«, wandte sich Bilibin an den Fürsten Andrej, »daß alle Verheerungen der französischen Armee (beinahe hätte ich gesagt der russischen) nichts sind im Vergleich zu dem, was dieser Mensch hier unter den Frauen angerichtet hat.«

»La femme est la compagne de l’homme«, warf Fürst Hippolyt ein und betrachtete seine hochgezogenen Füße durch die Lorgnette.

Bilibin und die »Unsrigen« lachten laut auf, als sie Hippolyt ins Gesicht sahen, und Fürst Andrej merkte, daß dieser Hippolyt, auf den er, wie er sich eingestehen mußte, wegen seiner Frau beinahe eifersüchtig gewesen war, in dieser Gesellschaft die Zielscheibe des Witzes abgab.

»Nein, ich muß Ihnen Kuragin einmal vorführen, wenn er in seinem Fahrwasser ist«, sagte Bilibin leise zu Bolkonskij. »Er ist einfach kostbar, wenn er über Politik spricht. Diese Wichtigtuerei muß man gesehen haben.«

Er setzte sich neben Hippolyt, zog die Falten auf seiner Stirn zusammen und begann mit ihm ein Gespräch über Politik. Fürst Andrej und die anderen umringten die beiden.

»Le cabinet de Berlin ne peut pas exprimer un sentiment d’alliance«, begann Fürst Hippolyt und sah dabei alle vielsagend an, »sans exprimer … comme dans sa dernière note … vous comprenez … vous comprenez … et puis si Sa Majesté l’Empereur ne déroge pas au principe de notre alliance …«

»Attendez, je n’ai pas fini …« sagte er zu Fürst Andrej und faßte ihn am Arm, »je suppose que l’intervention sera plus forte que la nonintervention. Et …« er schwieg. »On ne pourra pas imputer à la fin de non-recevoir notre dépêche du 28 octobre. Voilà comment tout cela finira.«

Er ließ den Arm Bolkonskijs los und gab damit kund, daß er nun mit seiner Rede vollständig zu Ende sei.

»Demosthènes, je te reconnais au caillou[63] que tu as caché dans ta bouche d’or«, sagte Bilibin, dessen Haarschopf auf dem Kopf vor Vergnügen bebte.

Alle lachten, Hippolyt selber noch lauter als die anderen. Man sah, daß ihm beim Lachen alles weh tat und er kaum Atem holen konnte; aber trotzdem vermochte er dieses tolle Gelächter, das sein sonst so unbewegliches Gesicht ganz in die Länge zog, nicht zu unterdrücken.

»Nun passen Sie mal auf, meine Herren«, sagte Bilibin, »Bolkonskij ist als Gast hier in meinem Hause und auch als Gast in Brünn. Ich möchte ihn, soweit das in meinen Kräften steht, mit allen Genüssen, die das hiesige Leben bietet, traktieren. Wenn wir in Wien wären, dann wäre das nicht weiter schwer. Hier aber, dans ce vilain trou morave, ist das schon schwieriger, und ich muß Sie daher sehr bitten, mir zu helfen. Il faut lui faire les honneurs de Brunn. Sie übernehmen das Theater, ich das Gesellschaftsleben und Hippolyt natürlich die Frauen.«

»Man muß ihm Amélie zeigen, eine reizende Puppe!« sagte einer der »Unsrigen« und küßte dabei seine Fingerspitzen.

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62

Seiner sardinischen Majestät: König von Sardinien war (18021821) Viktor Emanuel I. (1759-1824).

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63

Demosthènes, je te reconnais au caillou: Demosthenes, der berühmte altgriechische Redner, hatte als junger Mann seinen Sprachfehler dadurch überwunden, daß er im Laufen mit Kieselsteinen im Mund gegen das Meeresrauschen anredete.