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Mit Geringschätzung blickte Fürst Andrej auf diese endlosen Truppenmassen, die wirr durcheinander marschierten, auf diese Fuhrwerke, Munitionskolonnen, Artillerie und Wagen, Wagen und Wagen von allen möglichen Sorten, die einander überholten und drei, vier Reihen breit den schmutzigen Weg versperrten. Von allen Seiten, von vorn und von hinten, soweit das Ohr nur reichen konnte, hörte man Rädergerassel, das Schüttern der Wagen, Fuhrwerke und Lafetten, Pferdegetrappel, Peitschenschläge, Anfeuerungsrufe und Flüche von Soldaten, Burschen und Offizieren. Zu beiden Seiten des Weges sah man überall bald Pferdekadaver, die zum Teil schon abgehäutet waren, bald zerbrochene Wagen liegen, neben denen, auf irgend etwas wartend, vereinzelte Soldaten saßen, bald wieder Mannschaften, die von ihren Kompanien abgekommen waren und nun truppweise in die benachbarten Dörfer strömten oder aus den Ortschaften Hühner, Hammel, Heu oder gefüllte Säcke herausschleppten. Da, wo die Straße sich senkte oder anstieg, wurden diese Haufen dichter, und man hörte dort ein fortwährendes Schreien und Stöhnen. Soldaten, die bis zu den Knien im Schmutz versanken, packten die Wagen an, um sie weiterzuschieben, Peitschen knallten, Hufe glitten aus, Stränge rissen, und jeder schrie, was er schreien konnte. Die Offiziere, die den Marsch beaufsichtigten, ritten zwischen den Fuhrwerken hin und her. Ihre Stimmen waren inmitten dieses allgemeinen Getöses nur schwach zu hören, und ihren Gesichtern war anzusehen, daß sie an der Möglichkeit verzweifelten, dieser Unordnung Herr zu werden.

Das also ist unser liebes, rechtgläubiges Heer, dachte Bolkonskij und erinnerte sich an Bilibins Worte.

Er wollte irgendeinen von diesen Leuten fragen, wo sich der Oberkommandierende befinde, und ritt auf eine dieser Wagenkolonnen zu. Ihm entgegen kam ein sonderbarer Einspänner, der anscheinend von einem Soldaten mit einfachen Mitteln zusammengezimmert war und ein Mittelding zwischen einem Bauernwagen, einem Kabriolett und einer Kalesche bildete. In diesem Wagen saß ein Soldat, der die Pferde lenkte, und innen, hinter dem Schutzleder, unter dem Verdeck, eine ganz in Tücher gehüllte Frau. Fürst Andrej ritt heran und wollte sich schon mit seiner Frage an diesen Soldaten wenden, als plötzlich das verzweifelte Schreien der in dieser Kibitka sitzenden Frau seine Aufmerksamkeit ablenkte. Der Offizier, der die Fuhrparkkolonnen beaufsichtigte, hatte auf den Kutscher der Kalesche eingeschlagen, weil er an den anderen Wagen vorbeifahren wollte, und die Knutenschläge hatten das Schutzleder der Equipage getroffen. Die Frau schrie gellend auf. Als sie Fürst Andrej erblickte, bog sie sich über das Schutzleder hinaus, streckte ihre mageren Arme aus dem Schal hervor und winkte ihm zu.

»Adjutant, Herr Adjutant«, schrie sie, »… um Gottes willen, schützen Sie mich! … Was soll aus mir werden? Ich bin die Frau des Arztes vom siebenten Jägerregiment … man läßt uns nicht durch! Wir sind zurückgeblieben und haben die Unsrigen verloren.«

»Ich schlag dich zu Brei, dreh um!« schrie der Offizier wütend den Soldaten an, »kehr um mit deiner Schlampe!«

»Herr Adjutant, schützen Sie mich! Was soll aus mir werden!« schrie die Frau des Arztes.

»Bitte, lassen Sie diesen Wagen durch. Sehen Sie nicht, daß eine Frau drinsitzt?« sagte Fürst Andrej und ritt auf den Offizier zu.

Der Offizier sah ihn an und wandte sich dann, ohne ihm eine Antwort zu geben, wieder an den Soldaten: »Ich werde dich lehren, hier vorbeizufahren! Zurück!«

»Lassen Sie den Wagen durch, sage ich Ihnen«, wiederholte Fürst Andrej und preßte die Lippen zusammen.

»Wer bist du denn?« wandte sich plötzlich der Offizier mit der Wut eines Trunkenen an ihn. »Wer bist du?« Er betonte das »Du«. »Du bist wohl ein Vorgesetzter? Ja? Hier bin ich der Vorgesetzte und nicht du! Zurück da!« schrie er noch einmal, »sonst schlag ich dich zu Brei.«

Offenbar hatte der Offizier gerade an diesem Ausdruck besonderes Wohlgefallen.

»Der hat aber jetzt dem Adjutanten eins ausgewischt!« rief eine Stimme von hinten.

Fürst Andrej sah, daß sich der Offizier in jenem trunkenen Zustand grundloser Wut befand, wo man nicht mehr weiß, was man spricht. Er sah, daß sein Eintreten für die Doktorsfrau in der Kibitka nur das zur Folge zu haben drohte, was er am meisten auf der Welt fürchtete, nämlich das, was man französisch mit ridicule bezeichnet. Aber ein instinktives Gefühl gab ihm etwas anderes ein. Kaum hatte der Offizier die letzten Worte gesprochen, als Fürst Andrej mit einem vor Wut entstellten Gesicht auf ihn zuritt, die Knute hob und schrie: »Lassen Sie … den … Wagen … durch!«

Der Offizier machte eine Handbewegung, als ob er sagen wollte: »Na, meinetwegen«, und ritt dann eilig fort.

»Diese ganze Unordnung kommt bloß von diesen Stabsoffizieren«, knurrte er vor sich hin. »Macht meinetwegen, was ihr wollt!«

Ohne aufzusehen ritt Fürst Andrej von der Doktorsfrau, die ihn ihren Retter nannte, fort. Mit Widerwillen dachte er noch einmal an alle Einzelheiten dieser erniedrigenden Szene und sprengte dann auf jenes Dorf zu, wo sich, wie man ihm gesagt hatte, der Oberkommandierende befinden sollte.

Dort angekommen, stieg er vom Pferde und ging in das erste Haus, in der Absicht, sich dort wenigstens einen kurzen Augenblick auszuruhen, etwas zu essen und alle diese trüben, peinigenden Gedanken zur Klarheit zu zwingen.

»Das ist ja eine Bande von Wegelagerern, aber keine Armee mehr!« dachte er, während er am Fenster des ersten Hauses vorüberging. Da hörte er eine bekannte Stimme seinen Namen rufen.

Er drehte sich um. Aus dem kleinen Fenster sah ihm Neswizkijs schönes Gesicht entgegen. Dieser kaute mit vollen Backen, winkte ihm mit der Hand zu und rief:

»Bolkonskij, Bolkonskij! Na, hörst du denn nicht, komm schnell her!«

Als Fürst Andrej ins Haus trat, fand er Neswizkij und noch einen anderen Adjutanten, die gerade aßen. Rasch wandten sie sich an Bolkonskij mit der Frage, ob er nichts Neues wisse. Auf ihren Gesichtern, die dem Fürsten Andrej doch so gut bekannt waren, lag ein Ausdruck der Furcht und Unruhe. Bei Neswizkijs sonst stets lachendem Gesicht fiel dies besonders auf.

»Wo ist der Oberkommandierende?« fragte Bolkonskij.

»Dort in jenem Haus«, antwortete der Adjutant.

»Ist es denn wahr, daß Frieden geschlossen und kapituliert wird?« rief Neswizkij.

»Das frage ich euch! Ich weiß von gar nichts, weiß nur, daß ich mich mit Anstrengung bis zu euch durchgearbeitet habe.«

»Na, und bei uns, mein Lieber, da ist der Teufel los! Fürchterlich! Ich muß gestehen: über Mack haben wir gelacht, uns aber geht es jetzt noch schlimmer«, sagte Neswizkij. »Na, aber setz dich hin, iß etwas!«

»Ihren Wagen werden Sie nicht wiederfinden, Fürst, überhaupt nichts werden Sie finden, und Ihr Peter ist sicher Gott weiß wo!« meinte der andere Adjutant.

»Wo ist denn das Hauptquartier?«

»In Znaim übernachten wir.«

»Ich habe alles, was ich brauche, auf zwei Pferde packen lassen«, sagte Neswizkij. »Die Leute haben das wirklich ausgezeichnet gemacht. Jetzt können wir meinetwegen durch die ganzen böhmischen Berge fliehen. Es steht schlimm, schlimm, mein Lieber. Aber was ist mit dir? Du bist wohl nicht ganz wohl, daß du so zitterst?« fragte Neswizkij, als er bemerkte, daß Fürst Andrej zusammenzuckte, als ob er eine Leidener Flasche[66] berührt hätte.

»Es ist nichts«, antwortete Fürst Andrej.

Er hatte in diesem Augenblick gerade an die Doktorsfrau gedacht und an den Zusammenstoß mit dem Offizier der Fuhrparkkolonnen.

»Was macht der Oberkommandierende denn hier?« fragte er.

»Ich weiß nicht«, erwiderte Neswizkij.

»Ich sehe nur, daß dies alles schauderhaft, schauderhaft, schauderhaft ist«, sagte Fürst Andrej und ging in das Haus, wo sich der Oberkommandierende befinden sollte.

Fürst Andrej kam an Kutusows Equipage, an den abgehetzten Reitpferden seines Gefolges und den Kosaken vorüber, die laut miteinander sprachen. Er trat in den Flur. Wie man Fürst Andrej gesagt hatte, befand sich Kutusow mit Fürst Bagration und Weyrother in der Stube. Weyrother war der österreichische General, der den gefallenen Schmidt ersetzen sollte. Im Flur hockte der kleine Koslowskij vor einem Schreiber, der auf einem umgestülpten Kübel saß, sich die Rockaufschläge umgekrempt hatte und hastig schrieb. Koslowskijs Gesicht sah abgespannt aus, anscheinend hatte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Er blickte den Fürsten Andrej an und nickte ihm nicht einmal zu.

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66

Leidener Flasche: eine erstmals in Leyden auf einer Flasche konstruierte elektrische Batterie.