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Und der Besitzer dieser mannhaften Stimme, anscheinend ein Infanterieoffizier, lachte laut auf.

»Man fürchtet sich doch, gewiß«, fuhr die erste, bekannte Stimme wieder fort, »aber man fürchtet sich vor dem Unbekannten, das ist es. Wenn man auch tausendmal sagt, daß die Seele in den Himmel kommt … wir wissen doch, daß es keinen Himmel gibt, nur eine Atmosphäre …«

Wieder unterbrach die mannhafte Stimme den Artilleristen. »Ach was, Tuschin, geben Sie uns lieber ein Gläschen von Ihrem Kräuterschnaps«, sagte er.

Aha, das ist derselbe Hauptmann, der vorhin ohne Stiefel beim Marketender stand, dachte Fürst Andrej und erkannte mit Vergnügen die angenehme Stimme wieder, die jetzt solch philosophische Reden führte.

»Können wir machen«, sagte Tuschin, »aber immerhin, wenn wir das künftige Leben kennten …«

Er sprach nicht zu Ende. In diesem Augenblick hörte man in der Luft ein Pfeifen: näher und näher, schneller und lauter, lauter und schneller kam eine Kanonenkugel heran, brach dann ihr Sausen ab, wie wenn jemand eine angefangene Rede nicht zu Ende führt, und klatschte plötzlich nicht weit von der Hütte in die Erde, wobei sie mit fürchterlicher Gewalt Erdspritzer hoch in die Luft schleuderte. Es war, als seufze die Erde unter diesem furchtbaren Schlag.

Im selben Augenblick sprang, allen voran, der kleine Tuschin, die Tabakspfeife im Mundwinkel, aus der Hütte. Sein gutmütiges, kluges Gesicht sah blaß aus. Ihm folgte der Besitzer der mannhaften Stimme, ein noch jugendlicher Infanterieoffizier. Auch er eilte zu seiner Kompanie, wobei er sich im Laufen den Rock zuknöpfte.

17

Fürst Andrej hielt zu Pferde bei der Batterie und blickte nach dem Rauch des Geschützes, aus dem die Kugel gekommen war. Seine Augen spähten über den weiten Raum. Er sah, daß die vorher unbeweglichen Massen der Franzosen in Bewegung gekommen waren, und daß links wirklich eine Batterie stand, obgleich sich der Rauch, der sie umgab, noch nicht zerteilt hatte. Zwei französische Reiter, wahrscheinlich Adjutanten, sprengten über die Höhe. Eine kleine feindliche Kolonne bewegte sich, offenbar um die Vorpostenkette zu verstärken, den Berg hinunter und war ganz deutlich zu erkennen.

Noch hatte sich der Rauch des ersten Schusses nicht zerteilt, als eine zweite Rauchwolke erschien und ein zweiter Knall folgte. Die Schlacht hatte begonnen. Fürst Andrej wandte sein Pferd um und sprengte zurück nach Grund, um den Fürsten Bagration aufzusuchen. Er hörte, wie hinter ihm die Kanonade schneller und lauter wurde. Anscheinend hatten die Unsrigen zu antworten angefangen. Von unten her, von jener Stelle, wo die Parlamentäre herangeritten waren, tönte Gewehrfeuer herauf.

Lemarrois war soeben nach schnellstem Ritt mit dem ungnädigen Brief Napoleons bei Murat angelangt, und dieser, der sich nun schämte und seinen Fehler wieder gutmachen wollte, ließ jetzt seine Truppen gegen das Zentrum vorrücken und auch beide Flügel des Feindes umgehen, in der Hoffnung, noch bis zum Abend und vor Eintreffen des Kaisers die vor ihm stehende winzige Abteilung aufreiben zu können.

Der Anfang ist da! Jetzt kommt es! dachte Fürst Andrej und fühlte, wie ihm das Blut schneller zum Herzen strömte. Aber wo und auf welche Art wird jetzt mein Toulon[69] sich zeigen? dachte er.

Als er zwischen jenen Kompanien hindurchritt, die noch vor einer Viertelstunde Grütze gegessen und Schnaps getrunken hatten, sah er überall dieselben schnellen Bewegungen der Soldaten, die sich aufstellten und ihre Gewehre zum Gefecht fertig machten, und auf allen Gesichtern las er dasselbe erregte Gefühl, das auch sein Herz erfüllte: Der Anfang ist da! Jetzt kommt es, fürchterlich und lustig zugleich! stand auf dem Gesicht jedes Mannes und jedes Offiziers geschrieben.

Fürst Andrej war noch nicht wieder bis zu den im Bau befindlichen Schanzen zurückgekommen, als er im Abendlicht des trüben Herbsttages einige Reiter erblickte, die ihm entgegenkamen. Der vorderste von ihnen, in Filzmantel und Lammfellmütze, ritt auf einem Schimmel. Es war Bagration. Fürst Andrej machte halt, um ihn zu erwarten. Bagration hielt sein Pferd ebenfalls an und nickte dem Fürsten Andrej zu. Während dieser ihm mitteilte, was er gesehen hatte, blickte Bagration unverwandt nach vorn.

Die Worte: »Der Anfang ist da! Jetzt kommt es!« standen auch auf dem wetterharten, braunen Gesicht des Fürsten Bagration und in seinen halbgeschlossenen, trüben, verschlafenen Augen geschrieben. Mit unruhiger Neugier betrachtete Fürst Andrej dieses unbewegliche Gesicht, und er hätte gern gewußt, ob dieser Mann in diesem Augenblick wirklich etwas dachte und fühlte, und was für Gefühle und Gedanken das waren. Regt sich dort überhaupt etwas hinter diesem starren Gesicht? fragte sich Fürst Andrej, während er ihn unverwandt anblickte.

Bagration neigte seinen Kopf zum Zeichen, daß er mit dem, was Fürst Andrej ihm gesagt hatte, einverstanden sei, und sagte: »Gut, gut«, aber mit einer Miene, als ob alles, was sich abspielte oder ihm gemeldet wurde, gerade das sei, was er vorausgesehen und erwartet habe. Fürst Andrej, der von dem flotten Ritt ganz außer Atem gekommen war, hatte sehr schnell gesprochen. Bagration dagegen zog mit seiner orientalischen Aussprache seine Worte ganz besonders in die Länge, als ob er dadurch betonen wolle, daß gar kein Grund zur Eile vorhanden sei. Doch setzte er sein Pferd in Trab und ritt in der Richtung auf die Batterie Tuschins weiter. Fürst Andrej sprengte mit dem Gefolge hinter ihm her.

Zu diesem Gefolge des Fürsten Bagration gehörte ein Offizier à la suite, der persönliche Adjutant des Fürsten, Scherkow, eine Ordonnanz, der diensttuende Stabsoffizier auf einem hübschen englisierten Pferde und ein Zivilbeamter, ein Auditeur[70], der aus Neugier um die Erlaubnis gebeten hatte, mit in die Schlacht reiten zu dürfen. Dieser Auditeur, ein dicker Mann mit einem vollen Gesicht, sah mit kindlich frohem Lächeln ringsum, schwankte auf seinem Pferd hin und her und bot in seinem Kamelottmantel auf einem Trainsattel inmitten all dieser Husaren, Kosaken und Adjutanten einen seltsamen Anblick.

»Der möchte gern mal eine Schlacht sehen«, sagte Scherkow zu Bolkonskij und zeigte auf den Auditeur. »Aber dabei ist ihm das Herz schon jetzt in die Hosen gefallen!«

»Aber ich bitte Sie!« erwiderte der Auditeur mit einem strahlendnaiven und gleichzeitig listigen Lächeln, als fühle er sich geschmeichelt, zur Zielscheibe für Scherkows Späße zu dienen, und als gäbe er sich absichtlich Mühe, dümmer zu scheinen, als er in Wirklichkeit war.

»Très drôle, mon monsieur prince«, sagte der diensttuende Stabsoffizier. Ihm fiel ein, daß man sich im Französischen bei der Anrede mit dem Titel »Fürst« einer besonderen Sprachform bedienen muß, konnte sich aber damit nicht zurechtfinden.

Indessen waren sie alle bereits bis zu Tuschins Batterie herangeritten. Da schlug gerade vor ihnen eine Kanonenkugel ein. »Was ist da hingefallen?« fragte naiv lächelnd der Auditeur. »Ein französischer Pfannkuchen«, entgegnete Scherkow. »Also damit wird geschossen?« fragte der Auditeur. »Ein merkwürdiges Vergnügen!«

Er schien sich vor Heiterkeit kaum halten zu können. Aber er hatte seine Worte kaum zu Ende gesprochen, als plötzlich wieder ein fürchterliches Pfeifen ertönte, das mit einem jähen Aufprall auf etwas Flüssiges abbrach, und klatsch – stürzte der Kosak, der weiter rechts hinter dem Auditeur ritt, mit seinem Pferde zu Boden. Scherkow und der Stabsoffizier bückten sich über ihre Sättel und wandten ihre Pferde weg. Der Auditeur hielt neben dem Kosaken an und betrachtete ihn mit gespannter Neugier. Der Mann war tot, das Pferd zuckte noch.

Fürst Bagration drehte sich mit zusammengekniffenen Augen um. Als er die Ursache der Störung sah, wandte er sich gleichgültig wieder ab, als wolle er sagen: Ist es jetzt etwa an der Zeit, sich mit solchen Dummheiten abzugeben? Dann hielt er sein Pferd nach Art eines guten Reiters an, beugte sich etwas herüber und brachte seinen Degen wieder in Ordnung, der sich in den Filzmantel verwickelt hatte. Es war ein altmodischer Degen, der nicht so war, wie man sie damals trug, und Fürst Andrej mußte dabei an die Geschichte denken, wie Suworow in Italien seinen Degen Bagration geschenkt hatte, und diese Erinnerung war ihm jetzt ganz besonders angenehm.

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69

mein Toulon: vgl. Anm. 65.

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70

Auditeur: ein dem Kriegsgericht beigeordneter Jurist, der das Verfahren formal leitet, beim Urteil jedoch kein Mitspracherecht hat.