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Bagration überholte die Reihen, die an ihm vorbeimarschiert waren, und stieg vom Pferd. Er gab einem Kosaken die Zügel, nahm seinen Mantel ab, reichte ihn ebenfalls dem Kosaken, reckte sich und setzte die Mütze zurecht. Die Spitze der französischen Kolonne, voran die Offiziere, erschien auf der Talsohle.

»Gott mit uns!« sagte Bagration mit fester, lauter Stimme. Dann wandte er sich einen Augenblick nach der Front um und schritt, ein wenig mit den Armen schlenkernd, mit dem ungeschickten Gang eines Kavalleristen, dem das Laufen Mühe macht, auf dem unebenen Feld den andern voran. Fürst Andrej fühlte, wie eine unwiderstehliche Gewalt ihn vorwärts zog, und empfand dabei ein hohes Glücksgefühl.[*][71][72]

Die Franzosen waren schon nahe herangekommen. Fürst Andrej, der neben Bagration ging, konnte bereits deutlich die Binden, die roten Achselstücke, ja sogar die Gesichter der Franzosen erkennen. Er sah deutlich, wie ein alter französischer Offizier mit auswärts gesetzten Füßen in Stiefeletten sich mühsam an den Sträuchern hochzog und so den Berg hinaufkletterte. Fürst Bagration gab keinen neuen Befehl und schritt immer noch schweigsam den Reihen voran.

Plötzlich krachte in den Linien der Franzosen ein Schuß, dann ein zweiter, ein dritter … und nun knatterte das Gewehrfeuer aus allen in Unordnung geratenen Reihen, und ein dichter Pulverdampf breitete sich nach allen Seiten aus. Einige von den Unsrigen waren gefallen, unter ihnen auch der Offizier mit dem runden Gesicht, der vorhin so fröhlich und eifrig vorbeimarschiert war. Doch in dem Augenblick, als der erste Schuß ertönte, sah sich Bagration um und schrie: »Hurra!«

Ein langgezogenes »Hur-r-r-ra« verbreitete sich über unsere ganze Linie, und in wirren, aber fröhlich und lebhaft erregten Haufen stürmten die Jäger, einander überholend, an Bagration vorbei den Berg hinunter auf die Franzosen zu, deren geordnete Reihen sich lösten.

19

Der Angriff des sechsten Jägerregiments deckte den Rückzug des rechten Flügels. Im Zentrum hielt die Tätigkeit der vergessenen Batterie Tuschins, die Schöngrabern bereits in Brand geschossen hatte, den Vormarsch des Feindes auf. Die Franzosen mußten den Brand löschen, der durch den Wind noch weiter getragen wurde, und ließen dadurch den Russen Zeit, sich zurückzuziehen. Der Rückzug des Zentrums durch die Schlucht vollzog sich eilig und geräuschvoll; doch wurden die Truppen dabei nicht durch Kommandos in Verwirrung gebracht. Der linke Flügel jedoch – das Asower und Podolsker Infanterieregiment und die Pawlograder Husaren –, der zu gleicher Zeit von überlegenen feindlichen Kräften unter dem Oberbefehl Lannes’ angegriffen und umgangen wurde, geriet vollständig in Verwirrung. Bagration schickte Scherkow zu dem kommandierenden General des linken Flügels mit dem Befehl, sofort den Rückzug anzutreten.

Schneidig setzte Scherkow, ohne die Hand von der Mütze zu nehmen, sein Pferd in Trab und sprengte davon. Doch kaum war er von Bagration fortgeritten, als ihn seine seelischen Kräfte verließen und eine so unwiderstehliche Angst über ihn kam, daß er es nicht über sich brachte, dorthin zu reiten, wo es gefährlich war.

Als er zu den Truppen des linken Flügels gekommen war, ritt er nicht nach vorn, wo das Gewehrfeuer knatterte, sondern suchte den General und die anderen Kommandeure an einer Stelle, wo sie unmöglich sein konnten, und übermittelte Jäher auch gar nicht den Befehl.

Das Kommando über den linken Flügel stand dem Alter nach dem Oberst jenes Regimentes zu, das Kutusow bei Braunau besichtigt hatte, jenes Regiments, in dem Dolochow als Gemeiner diente. Über den äußersten linken Flügel jedoch war das Kommando dem Oberst des Pawlograder Husarenregiments übertragen, in dem Rostow stand. Infolgedessen kam es zwischen diesen beiden Kommandeuren zu Mißhelligkeiten. Beide befanden sich in sehr gereizter Stimmung, und zu einer Zeit, da auf dem rechten Flügel der Kampf schon lange im Gang war und die Franzosen bereits den Vormarsch begannen, waren beide Kommandeure mit Verhandlungen beschäftigt, die nur den Zweck hatten einander zu beleidigen. Ihre Regimenter aber, sowohl die Kavallerie als auch die Infanterie, waren sehr wenig auf den bevorstehenden Kampf vorbereitet. Die Mannschaft vom Gemeinen bis zum höchsten Offizier erwartete keine Schlacht und gab sich ruhig friedlichen Beschäftigungen hin: bei der Kavallerie fütterte man die Pferde, bei der Infanterie suchte man sich Brennholz zusammen.

»Er steht allerdings im Rang über mir«, sagte der deutsche Husarenoberst mit einem vor Aufregung ganz roten Kopf zu dem Adjutanten, den der Infanteriegeneral zu ihm geschickt hatte; »mag er machen, was er will. Deshalb kann ich meine Husaren nicht aufopfern. Trompeter! Zum Rückzug blasen!«

Aber die Zeit drängte. Geschütz- und Gewehrfeuer von der rechten Flanke und vom Zentrum her donnerte und knatterte durcheinander, und Lannes’ französische Schützen in ihren Kapottmänteln hatten schon den Mühlendamm überschritten und stellten sich, nur zwei Gewehrschußweiten von den Unsrigen entfernt, auf der anderen Seite auf. Der Infanterieoberst trat mit seinem zuckenden Gang auf sein Pferd zu, bestieg es, richtete sich gerade und steif auf und sprengte zu dem Pawlowgrader Kommandeur hin. Die beiden Befehlshaber ritten einander mit höflichen Verbeugungen, aber mit versteckter Wut im Herzen, entgegen.

»Ich kann Ihnen nur noch einmal sagen, Herr Oberst«, fing der General an, »daß ich nicht die Hälfte meiner Leute im Walde umkommen lassen möchte. Ich bitte Sie, bitte Sie dringend«, fügte er hinzu, »Ihre Stellung einzunehmen und sich zur Attacke bereitzumachen.«

»Und ich möchte Sie bitten, sich nicht in Dinge einzumischen, die Sie nicht verstehen«, antwortete hitzig der Oberst, »wenn Sie Kavallerist wären …«

»Ich bin nicht Kavallerist, Herr Oberst, sondern russischer General, und wenn Ihnen das nicht bekannt ist …«

»Das ist mir wohl bekannt, Exzellenz«, schrie plötzlich der Oberst, der dunkelrot geworden war und seinem Pferde die Sporen gab, »vielleicht haben Sie die Güte, sich in die Vorpostenkette zu bemühen, dann werden Sie sehen, daß diese Stellung ganz unmöglich ist. Ich will mein Regiment nicht zu Ihrem Vergnügen aufreiben lassen.«

»Sie vergessen sich, Herr Oberst! Ich habe dabei nicht mein Vergnügen im Auge und lasse mir so etwas nicht sagen!«

Der General nahm die Herausforderung des Obersten zu einer Tapferkeitskonkurrenz an, warf sich in die Brust, runzelte finster die Stirn und ritt mit ihm zusammen nach der Vorpostenkette hin, als ob ihr ganzer Streit dort in der Vorpostenkette im Kugelregen entschieden werden müßte. Als sie dort anlangten, flogen einige Kugeln lustig über sie hinweg. Schweigend hielten sie ihre Pferde an. Zu sehen war in der Vorpostenkette nichts; denn schon von der Stelle aus, wo sie vorher gestanden hatten, war es ganz klar gewesen, daß die Kavallerie in dem buschreichen Gelände und in den Schluchten nichts erreichen konnte, und daß die Franzosen den linken Flügel umgingen.

Der General und der Oberst sahen einander mit strengen und bedeutsamen Mienen an, wie zwei Hähne, die sich zum Kampf bereitmachen, und jeder lauerte vergeblich auf ein Zeichen von Feigheit beim anderen. Beide bestanden die Prüfung. Da sie sich nichts zu sagen hatten und keiner dem anderen zu der üblen Nachrede Anlaß geben wollte, er sei zuerst aus dem Kugelregen fortgeritten, so hätten sie noch lange dort gehalten und gegenseitig ihre Tapferkeit auf die Probe gestellt, wenn nicht in diesem Augenblick, fast unmittelbar hinter ihnen, im Walde Gewehrgeknatter und ein dumpfes Durcheinanderschreien zu hören gewesen wäre. Die Franzosen hatten die Soldaten, die im Wald Holz holten, angegriffen. Nun konnten sich die Husaren nicht mehr mit der Infanterie zusammen zurückziehen: die französische Vorpostenkette hatte sie auf der linken Seite von der Rückzugslinie abgeschnitten und so mußten sie jetzt, wie ungeeignet auch das Terrain sein mochte, doch eine Attacke machen, um sich einen neuen Weg zu bahnen.

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71

Thiers: A. Thiers (1797-1877) französischer Historiker, gegen dessen als »Hofgeschichtsschreibung« qualifizierte Histoire du consulat et de l’Empire: (1846) Tolstoi in Krieg und Frieden besonders polemisiert.

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72

St. Helena: Insel im Atlantischen Ozean, letzter Verbannungsort Napoleons (von 1815-21).