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»Sterbliche Menschen können dich gewiß nicht tadeln, Georg. Fleisch und Blut können nicht anders handeln«, antwortete Simeon. »Wehe der Welt wegen des Ärgernisses, aber wehe denen, so das Ärgernis geben.«

»Und Ihr, würdet Ihr nicht auch an meiner Stelle ebenso handeln?«

»Ich bete zu Gott, daß er mich nicht in Versuchung führt«, sagte Simeon, »das Fleisch ist schwach.«

»Ich glaube, mein Fleisch wäre ganz hübsch stark in einem solchen Fall«, bemerkte Phineas und streckte seine Arme aus, die so kräftig wie die Flügel einer Windmühle waren. »Ich weiß nicht, Freund Georg, ob ich dir nicht einen der Kerle festhielte, wenn du eine Rechnung mit ihm zu begleichen hättest.«

»Wenn jemals ein Mensch sich gegen das Unrecht wehren darf«, sagte Simeon, »dann dürfte jetzt Georg sich zur Gegenwehr berechtigt fühlen. Dennoch lehrten die Führer unserer Sekte eine bessere Methode, denn der Zorn des Menschen vollzieht nicht den Willen Gottes; aber noch will der Mensch in seiner Verblendung das nicht einsehen, und die Lehre kann nur empfangen, wem die Einsicht vergönnt ist. Laßt uns den Herrn bitten, daß wir nicht in Versuchung kommen.«

»Das will ich gern tun«, sprach Phineas, »kommen wir aber zu arg in Versuchung, na, dann mögen sie sich hüten, mehr sage ich nicht.«

»Man merkt es doch, daß du kein geborener >Freund<[2] bist«, sagte Simeon lächelnd. »Deine alte Natur bricht sich immer wieder Bahn.«

Um die Wahrheit zu sagen, Phineas war ein treuherziger Hinterwäldler gewesen, mit riesigen Fäusten, ein gewaltiger Jäger und das Verderben eines jeden Rehbocks; aber nachdem er eine hübsche Quäkerin geehelicht, war er der nächsten Gemeinde beigetreten; so wurde er zwar ein aufrichtiges, tüchtiges Mitglied, dem im einzelnen nichts vorzuwerfen war, doch die Geistigen und tiefer Veranlagten konnten nicht umhin, einen gewissen Mangel an Milde in seiner Entwicklung festzustellen.

»Freund Phineas hat nun einmal seine eigenen Ansichten«, bemerkte Rachel Halliday lächelnd; »aber wir sind alle überzeugt, trotz allem hat er das Herz auf dem rechten Fleck.«

»Wäre es dann nicht am besten«, fragte Georg, »wenn wir unsere Flucht beschleunigten?«

»Ich bin um vier Uhr aufgestanden und kam in größter Eile her, ich bin ihnen gut zwei bis drei Stunden voraus, wenn sie zur vereinbarten Zeit aufgebrochen sind. Auf jeden Fall wäre es unklug, vor Einbruch der Dunkelheit loszufahren, denn in den nächsten Dörfern gibt es einige Schurken, die unseren Wagen anhalten könnten, und das würde uns mehr Zeit kosten als hier das Warten; aber in zwei Stunden könnten wir es riskieren. Ich werde inzwischen Michael Cross aufsuchen und ihn beauftragen, mit seinem schnellen Roß hinter uns herzureiten und ein wachsames Auge auf den Weg zu halten. Wenn dann irgendwelche Reiter kommen, kann er uns warnen. Michaels Pferd überholt alle anderen, und wenn Gefahr droht, kann er einen Warnungsschuß abgeben. Ich werde auch Jim und die alte Frau benachrichtigen, damit sie sich bereithalten, und nach Pferden sehen. Wir haben einen guten Vorsprung und die besten Aussichten, die nächste Station zu erreichen, bevor sie uns einholen. Also, sei guten Mutes, Freund Georg, dies ist nicht die erste scheußliche Klemme, der ich mit euch Flüchtlingen entkommen bin«, meinte Phineas und schloß die Tür.

»Phineas ist ganz gerissen«, meinte Simeon. »Bei ihm bist du gut aufgehoben, Georg.«

»Es tut mir leid, daß ich euch alle in Gefahr bringe«, sagte Georg.

»Tu uns einen Gefallen, Freund, und sprich nicht mehr davon. Wir handeln nur nach unserem Gewissen, wenn wir dir helfen. Wir haben da gar keine Wahl. Und jetzt, Mutter«, fügte er hinzu und wandte sich an Rachel, »beeile dich mit deinen Vorbereitungen, wir wollen unsere Freunde nicht mit leerem Magen ziehen lassen.«

Während also Rachel und ihre Kinder geschäftig dabei waren, Maiskuchen zu backen, Schinken und Hühnchen zu kochen und alle Zutaten zum Abendessen herzurichten, saßen Georg und sein Weib in dem kleinen Stübchen eng umschlungen beieinander und unterhielten sich über alle Dinge, die gesagt sein müssen, wenn ein Abschied für immer droht.

Jetzt kam Rachel und nahm liebevoll Elizas Hand und führte sie an den Abendbrottisch. Als sie alle Platz nahmen, klopfte es leicht an die Tür und Ruth kam herein.

»Ich bin nur herübergelaufen, um dem kleinen Jungen die Strümpfchen zu bringen — drei Paar, schöne, warme, wollene. In Kanada werdet ihr es kalt genug haben. Ist Eliza auch guten Mutes?« fragte sie und huschte an die Tischseite, wo Eliza saß. Sie schüttelte ihr herzlich die Hand und steckte Harry einen Kringel in die Hand. »Ich hab ihm davon noch eine Tüte voll mitgebracht«, setzte sie hinzu und zerrte an ihrer Tasche, um sie herauszuholen. »Man weiß ja, Kinder können immer essen.«

»Oh, danke vielmals; Ihr seid so gut«, rief Eliza.

»Komm, Ruth, iß mit zu Abend«, bat Rachel.

»Das kann ich unmöglich. Ich habe John bei dem Baby gelassen und habe den Kuchen im Ofen. Ich kann nicht länger bleiben, sonst läßt John den Kuchen verbrennen und gibt dem Baby den ganzen Zucker aus der Dose. So treibt er es immer«, sagte die kleine Quäkerfrau und lachte. »Also, leb wohl, Eliza; leb wohl, Georg; der Herr schenke euch eine sichere Fahrt«, und schon war Ruth zur Tür hinaus.

Kurz nach dem Abendbrot fuhr ein großer Planwagen vor dem Hause vor; die Nacht war sternenklar; mit einem Satz sprang Phi–neas rasch herab, um seine Fahrgäste unterzubringen. Georg schritt aus der Haustür, das Kind auf einem Arm und am anderen sein Weib. Sein Schritt war fest, und sein Gesicht sah gefaßt und entschlossen aus. Rachel und Simeon begleiteten sie.

»Steigt Ihr einen Augenblick aus«, wandte sich Phineas an die Insassen, »dann kann ich die Sitze für die Frauensleute und den Jungen richten.«

»Hier sind die beiden Büffelhäute«, sagte Rachel. »Mach es ihnen recht bequem, so eine Fahrt in der Nacht ist anstrengend.«

Jim stieg zuerst aus und half behutsam seiner Mutter, die sich an seinen Arm klammerte und ängstlich umherblickte, als sei ihr der Verfolger schon auf den Fersen.

»Jim, sind deine Pistolen in Ordnung?« fragte Georg mit leiser, fester Stimme.

»Ja, natürlich«, erwiderte Jim.

»Und du weißt Bescheid, was du zu tun hast, wenn sie kommen?«

»Das will ich meinen«, sagte Jim, sich in die Brust werfend und tief Atem holend. »Denkst du, ich lasse sie meine Mutter noch einmal fangen?«

Während dieser kurzen Unterhaltung hatte sich Eliza von Rachel, ihrer mütterlichen Freundin, verabschiedet. Simeon half ihr in den Wagen, wo sie sich mit dem Kind auf den Büffelfellen niederließ. Die alte Frau kam an ihre Seite, Georg und Jim setzten sich ihnen gegenüber auf ein Brett, und Phineas stieg auf den Kutschbock.

»Fahrt mit Gott!« rief Simeon von draußen.

»Vergelt's Gott!« riefen sie von drinnen.

Und der Wagen fuhr holpernd über den gefrorenen Weg in die Nacht hinaus.

Zur Unterhaltung war keine Gelegenheit, der Weg war uneben und die Räder ratterten. Der Wagen rumpelte dahin, durch lange Strecken dunklen Waldgebietes — über weite öde Ebenen, bergauf, bergab, Stunde um Stunde. Das Kind war gleich eingeschlafen und lehnte sich schwer gegen die Mutter. Die arme, verängstigte, alte Frau hatte allmählich ihre Furcht verloren, und selbst Eliza konnte, als die Nacht voranschritt, sich trotz aller Sorgen des Schlafes nicht erwehren. Phineas schien von allen der Munterste zu sein, er vertrieb sich die lange Fahrt, indem er sich ein leichtes Liedchen pfiff, das wenig den strengen Quäkersitten entsprach.

Aber gegen drei Uhr morgens vernahm Georgs feines Ohr in der Ferne den eiligen raschen Hufschlag eines einzelnen Pferdes, er stieß Phineas an den Ellbogen, Phineas bremste seine Pferde und horchte.

»Das muß Michael sein«, sagte er; »ich denke, ich erkenne ihn an seinem Galopp«, und er stand auf und blickte besorgt über den Weg zurück.

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Bezeichnung für Quäker.