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»Bist du allein nach Unterägypten gekommen?«

»Nein, mit einem Hohepriester, der sich meiner angenommen hat.«

»Wie hieß er?«

Nefer zauderte lange mit der Antwort. Dann sagte sie: »Ich weiß es nicht.«

»Wo hat er dich verlassen?«

»Auf der Insel, wo sich der Kantatek-Tempel befindet.«

»Hast du ihn jemals wiedergesehen?«

»Nie«, antwortete sie, wiederum zögernd. Sie machte Anstrengungen, sich zu besinnen: »Ich sehe manchmal große, prächtig geschmückte Säle vor mir und riesige Tempel mit Götterbildern, mit einer Unzahl von Priestern und Tänzerinnen, die Zymbeln[25] spielen ... Ich sehe prächtige Pyramiden und hohe Obelisken... Ein großer, mit goldenen Barken besetzter Strom zieht dahin ... Ich sehe Soldaten und Sklaven, die vor einem Mann auf goldenem, mit langen Straußenfächern umgebenen Thron knien... Aber das ist alles wie von Nebel umhüllt. Sind es Träume, ist's Wirklichkeit? Ich weiß es nicht.«

»Kannst du dich nicht deutlicher des Mannes auf dem Thron erinnern?«

»Nein, wenn ich es versuche, so legt sich ein dichter Schleier davor.«

»Ich hoffe, du wirst ihn eines Tages wiedersehen!«

Unis verließ die Kabine und stieg mit gedankenvoller Miene an Deck.

Nefer glitt von ihrem Lager und folgte ihm.

»Hast du etwas in Erfahrung bringen können?« fragte Ata den Greis.

»Nein, aber eine furchtbare Ahnung ist in mir aufgestiegen.«

»Welche?«

»Daß Sahur nicht tot ist!«

»Sahur, deine ...«

»Die Tochter Tetis«, unterbrach ihn Unis erregt.

»Aber ich fand doch in Memphis keine Spur mehr von ihr! Ich bin sicher, daß man sie im Nil ertränkt hat«, sagte Ata.

Der Alte schaute düster in die Ferne.

Nefer schritt indessen zu Mirinri, der am Backbord saß und mit den Augen die Fluten verfolgte.

»Habe Dank! Ich schulde dir mein Leben!« sprach sie leise und berührte seine Hand. »Aber nicht nur das Leben, sondern auch die Gewißheit, daß ich eine Pharaonin bin wie jene, die du vor mir rettetest.«

Mirinri wandte sich um und sah sie sprachlos an.

»Ich trage das Zeichen der Uräusschlange an mir«, fuhr sie fort.

»Auch du?« fragte er ungläubig.

Sie zeigte ihm die Schulter.

»Ja, es ist dasselbe Zeichen, das ich trage!« rief er. »Wer hat dich darüber aufgeklärt?«

»Ich«, sprach Unis, der gerade hinzutrat.

»Dann ist es wahr! Nun wohl, wenn wir beide Kinder der Sonne sind, so sind wir wie Geschwister.«

Nefer schwieg. Sie senkte den Kopf, und jener Trauerschatten, den der Priester schon vorher bemerkt hatte, glitt über ihr Gesicht.

In diesem Augenblick rief Ata: »Da liegt die Festung Abom, seht hin! Ihr werdet aber auch ein nettes Frühstück für die Krokodile sehen. Seien wir vorsichtig, es droht Gefahr!«

Die Insel der Schatten

Alle wandten sich um und blickten zum linken Ufer, wo sich auf einer Anhöhe ein massiger Bau erhob. Er bestand aus verschiedenen Türmen mit grobem Zinnenwerk. Die dicken, schräg stehenden, die Türme verbindenden Mauern glichen Bastionen.

Ata hatte aber nicht nur auf das Kastell, sondern auch auf den grausigen Anblick hingewiesen, der sich am Ufer bot: Etwa dreihundert Leichname mit fast schwarzer Haut hingen dort auf hohen Stangen. Alle hatten die Brust mit Lanzenspitzen durchbohrt. Arme und Beine waren schon halb zerfleischt von den Vögeln, die scharenweise um sie herumflatterten.

»Kriegsgefangene, die das Unglück hatten, lebendig in die Hände der Soldaten Pepis zu fallen!« flüsterte Ata mit düsterer Miene.

»Und auf diese grausame Weise hat man sie getötet?« fragte Mirinri schaudernd.

»Warum schnitt man ihnen nicht, wie es sonst Brauch ist, die Hände ab? Dann hätten sie keine Waffen mehr erheben können. Das wäre eine mildere Strafe gewesen«, sagte Unis.

»Und doch haben diese Leute vielleicht tapfer für ihr Land gekämpft«, murmelte der Jüngling.

»Wenn ich den Thron besteige, werden solche Greuel nicht mehr geschehen!«

»Du hast ein edles Herz«, sagte Nefer.

»Und wer sind die andern dort auf der Höhe?« fragte Mirinri, auf die Festung weisend.

»Ägyptisches Militär«, antwortete Ata.

Ein Trupp Soldaten stieg eben den Abhang zum Ufer hinunter. Sie hatten Leinentüchter um die Hüften geschlungen; Schurzfelle hingen ihnen bis zum Knie. Die Brust war mit breiten Binden zum Schutz gegen Spieße umwickelt. Alle trugen Lederschilde, die oben halbrund und unten viereckig waren, dreispitzige Spieße und langschäftige Streitäxte; dazu kamen bei einigen Schwerter mit breiter Klinge, bei anderen Bogen und Pfeile.

»Es sind kaum vierzig«, fuhr der Ägypter beruhigt fort. »Sollten sie uns angreifen, dann werden meine starken Äthiopier bald mit ihnen fertig werden.«

»Vielleicht sind sie durch Spione benachrichtigt worden, daß ich auf diesem Schiff bin?«

»Kann sein. Es scheint, als ob überall um uns Verrat lauert. Aber meiner Leute bin ich sicher. Seht nur, jetzt schiffen die drüben sich ein!«

»Laß sie nur herankommen! Dann können wir ihnen begegnen«, sagte Mirinri, der ebenfalls seine Ruhe völlig bewahrt hatte.

»Man verteidigt kein Königreich, wenn man das Schwert in der Scheide läßt.«

Nachdem die Soldatenkolonne hinter einer Palmengruppe verschwunden war, tauchte sie kurze Zeit danach an Bord zweier Barken wieder auf.

Diese Fahrzeuge waren plump. Ihr Bug und Heck endete in zwei Spitzen. Eine Art Kasten in der Mitte, auf dem eine Anzahl mit Bogen bewaffneter Krieger sich lagerten, nahm fast die ganze Länge ein. Die übrigen Soldaten saßen an beiden Seiten und ruderten kräftig.

Obgleich die Strömung stärker wurde, erreichten die beiden großen Barken doch bald den Segler.

»Ohe!« rief der Kommandant der Barken. »Hathor beschütze euch, und Typhon halte euch die Krokodile fern! Aber sagt mir, wer seid ihr und wohin wollt ihr?«

»Wir sind Handelsleute, die nach Dendera fahren«, antwortete Ata, während seine Äthiopier sich hinter der Schiffswand kampfbereit hielten, um ein etwaiges Entern zu verhindern. »Was willst du von uns?«

»Ich wollte euch fragen, ob ihr einen Schreiber an Bord habt. Wir wollen vierhundert Hände abschneiden, und keiner von uns kann die Namen der zu dieser Strafe Verurteilten aufschreiben. Wir sollen die Liste an den König senden.«

»Was sind das für Männer?«

»Nubier. Wir haben sie gefangengenommen, haben schon viele aufgespießt, aber es sind noch eine Menge, die den Kriegsgesetzen unterliegen!«

In diesem Moment ertönte aus der Palmengruppe am Ufer entsetzliches Geschrei, das nicht von menschlichen Wesen, sondern von wilden Tieren zu stammen schien. Es war ein Brüllen und Röcheln, das den Zuhörern das Blut in den Adern erstarren ließ.

Alle Vorsicht vergessend, drängte sich Mirinri mit der Waffe in der Hand an die Schiffs wand und rief mit drohender Stimme: »Was geschieht dort?«

»Nun, wenn man ihnen die Hände nicht abschneidet, wird ihnen die Haut von der Brust gerissen«, erwiderte ruhig der Kommandant.

»Ihr seid ja keine ehrlichen Krieger mehr, ihr seid elende Schakale!« rief ihn Mirinri wutentbrannt zu.

Die Soldaten in den beiden Barken sahen sich erstaunt an. Eine solche Sprache hatten sie bisher noch nicht gehört.

»Jüngling, in wessen Namen sprichst du?« fragte der Führer.

»Wenn du den Mut dazu hast, so komm aufs Schiff und sieh dir den Sprecher aus der Nähe an, es steht dir frei! Aber wenn du ihn gesehen hast, so laß ich dich in den Fluß vor die Krokodile werfen und all deine Leute töten!«

»Unvorsichtiger, was tust du?« zischte Ata.

Mirinri hörte ihn nicht, sondern rief den Äthiopiern zu: »Los, Freunde!«

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25

Zymbeln Musikinstrumente des Altertums: kleine Becken, die jeweils an 2 Stäben befestigt waren.